Wenn Gebäude wieder atmen dürfen

01. September 2026
Alois Hirschmugl und die Hirschmugl KG arbeitet seit vielen Jahren mit Naturbaustoffen wie Kalk- und Lehmputzen, Dämmungen und Wandaufbauten. Im dritten Expert:inneninterview zu natuREnovation sprechen Vater und Sohn, Alois und Johannes Hirschmugl darüber, warum ökologische Sanierung mehr braucht als gute Produkte: Es geht vielmehr um handwerkliches Wissen, Zeit für Planung, Respekt vor der Bausubstanz und ein Verständnis dafür, dass alte Gebäude nicht gegen ihre Geschichte saniert werden dürfen.

Alois Hirschmugl, Gründer und Geschäftsführer der Hirschmugl KG, mit seinem Sohn Johannes, dem Juniorchef des Unternehmens. „Ein Gebäude hat einen Wert, eine Geschichte. Diese Geschichte wollen wir im besten Sinn weiterführen.“

Wofür steht Hirschmugl und welches Know-how bringt Ihr in natuREnovation ein?

Alois Hirschmugl: Hirschmugl steht für Leben und Arbeiten mit Naturbaustoffen. Wir haben jahrelange Erfahrung mit Kalk- und Lehmputzen, mit Wandaufbauten aller Art und mit Dämmungen. Das ist unser Schwerpunkt, den wir seit vielen Jahren leben dürfen.

Johannes Hirschmugl: Daneben haben wir uns auf historische Bauwerke spezialisiert: auf denkmalgerechte Sanierung und entsprechender Materialwahl. Es geht darum, historische Putze nachzuarbeiten, mit Farbschichten und Farbgebungen richtig umzugehen und Materialien so auf die Baustelle zu bringen, dass langanhaltende Putz- und Farbsysteme entstehen.

 

Was ist Euch bei natürlichen Materialien besonders wichtig?

Alois Hirschmugl: Für uns ist wichtig, dass wir uns mit dem Gebäude beschäftigen. Ein Gebäude hat einen Wert und eine Geschichte. Diese Geschichte wollen wir im besten Sinn weiterführen. Wir nehmen auf die Grundsubstanz Rücksicht und versuchen das, was neu gemacht werden soll, mit den vorhandenen Grundsystemen zusammenzubringen.

Im Firmengebäude in Mödling, Niederösterreich, lebt und arbeitet Hirschmugl mit Naturbaustoffen: von Lehm und Kalk bis zu ökologischen Dämm- und Wandaufbauten.
Alois Hirschmugl mit Strohplatten: Der Naturbaustoff wird im ökologischen Bauen und Sanieren als Dämm- und Ausbaumaterial eingesetzt.

Viele Partner:innen waren bereits bei natuREbuilt beteiligt. Was nehmt Ihr aus diesem Projekt mit?

Alois Hirschmugl: natuREbuilt war für uns ein gutes Learning im Umgang mit unterschiedlichen Firmen und deren Persönlichkeiten. Es war auch wichtig zu verstehen, welche Wünsche und Anforderungen es bei mehrgeschossigen Gebäuden gibt. Diese Dimension war für uns neu, weil wir uns bis dahin vor allem mit Gebäuden bis zur Gebäudeklasse III beschäftigt haben.

Johannes Hirschmugl: Für uns war auch der rechtliche und verbindliche Bereich ein gutes Learning. Wie kann man Lösungen finden? Wie kann man Dinge ermöglichen? Und es wurde auch klar, dass noch viele Fragen offen sind.

 

Hat sich durch natuREbuilt die Wahrnehmung ökologischer Baustoffe verändert?

Alois Hirschmugl: Für die eigene Wahrnehmung ja. Durch einzelne Partner:innen ist der Wunsch nach Umsetzung stark geworden. Besonders schön war, dass Hirschmugl, DPM und Europerl innerhalb von natuREbuilt den Mut gehabt haben, beim FSE Brandschutzkongress 2025 mitzumachen. Dort haben wir die Bestätigung bekommen, dass unsere Idee von Aufbauten definitiv der richtige Weg ist.

 

Bei natuREnovation geht es nun um Gründerzeithäuser. Was verändert sich dadurch?

Johannes Hirschmugl: Das Schöne am Gründerzeithaus ist, dass es ein typischer österreichischer Baustil ist. Bei natuREbuilt waren wir stark auf Holzbau fokussiert, jetzt geht es um das klassische Ziegelhaus. Das bringt ganz andere Herausforderungen mit sich.

Die zentrale Frage lautet: Wie kann ich Erhaltenswertes erhalten? Genau das finde ich an diesem Projekt besonders schön. Diese alten, in Massivbauweise errichteten Gebäude haben andere Ansprüche. Besonders interessiert mich der Umgang mit Feuchtigkeit. Leben ist Wasser, das werden wir immer brauchen, aber in Gebäuden haben wir Angst davor. Ich finde es spannend zu lernen, wie man mit Feuchtigkeit in Gebäuden besser umgehen und zugleich auf zeitgemäße Ansprüche eingehen kann.

Im Gespräch über Naturbaustoffe: Hirschmugl bringt langjährige Erfahrung in der Materialwahl, fundiertes Anwendungswissen und hohe Beratungskompetenz in Sanierung und Bestand ein.
Alois und Johannes Hirschmugl im Gespräch über Naturbaustoffe und ökologische Sanierung. „Wenn man es gut machen will, braucht man einfach eine längere Planungsphase.“

Ihr habt viel Erfahrung mit historischer und denkmalgeschützter Bausubstanz. Was kann natuREnovation aus diesem handwerklichen Wissen lernen?

Alois Hirschmugl: Ich wünsche mir, dass wir aus diesem Projekt Daten bekommen. Wie können wir die Labortechnik nutzen, um wissenschaftliche Ergebnisse zu bekommen? Das ist etwas, das ich mir erwarte. Wir bringen sehr viel Erfahrung aus der Praxis mit. Im Projekt kann dieses Wissen gemessen, überprüft und wissenschaftlich unterlegt werden.

 

Gibt es Projekte, bei denen Ihr dieses Wissen besonders gut einbringen konntet?

Alois Hirschmugl: Mein Highlight sind sicher die Triumphsäulen der Karlskirche in Wien. Dort gab es eine Zusammenarbeit von vielen Verantwortlichen. Wir haben Kalk aus Spanien besorgt und zwei neue Farbsysteme entwickelt, um das Bauwerk in die nächsten Generationen zu bringen.

Johannes Hirschmugl: Mein Highlight war die Sanierung eines Gründerzeithauses in Wien-Favoriten. Wir wurden erst spät dazu geholt, auch im Zusammenhang mit einem Forschungsprojekt. Dort konnten wir eine nachhaltige Wohneinheit realisieren: Innenwände aus Strohplatten, Putze aus Lehm und Kalk, Vorsatzschalen mit Lehmplatten, Dämmung aus Schafwolle und ein nachhaltiger Bodenaufbau.

Das war eine von 19 Wohnungen. Zusätzlich gab es zwei Fassadenthemen: eine Innenhoffassade und eine Außenfassade. Eine davon war eine mehrschalige Strohfassade. Wir konnten sie vorher durch einen Brandversuch testen und erhielten ein gutes Zertifikat. Damit durfte die Fassade realisiert werden: 21 Meter Höhe, mit Stroh, Holz und Kalkputz. Die zweite Fassade war die Stiegenhausfassade mit einem sandlosen Putz, der gleichzeitig Wärmedämmung ist. Das waren zwei sehr innovative Aufbauten.

 

Wo scheitert ökologische Sanierung heute noch in der Praxis?

Alois Hirschmugl: Eine der Herausforderungen ist, dass die Planungszeit viel zu kurz ist. Wenn etwas passiert, muss immer alles schnell, schnell, schnell gehen. Wenn man es gut machen will, braucht man aber eine längere Planungsphase. Am Ende ist man damit oft günstiger unterwegs, weil es weniger Leerstandzeiten und weniger Probleme am Objekt gibt.

Der zweite Punkt ist der Preis. Naturbaustoffe sind in den Entstehungskosten teurer. Aber wenn man mit einer Farbe oder einem Putz 30 oder 40 Jahre Ruhe hat, dann hat man in dieser Zeit keine Kosten. Das ist schwer zu vermitteln, weil oft die einen bauen und die anderen für den Betrieb zuständig sind.

Johannes Hirschmugl: Ein großes Thema ist auch die Unwissenheit. Es gibt wenig Möglichkeiten, über Naturbaustoffe zu lernen. In öffentlichen Institutionen fehlt oft die Zeit, sich damit zu beschäftigen. Es wird nicht mehr ausreichend gelehrt weder in der Lehre noch an den Universitäten. Wenn mehr Menschen wüssten, welche Möglichkeiten es gibt, wäre auch das Potenzial größer, einzelne Produkte in die Umsetzung zu bringen. Dann gäbe es mehr Menge, mehr Masse, und alle könnten besser kalkulieren.

Vater und Sohn, Alois und Johannes Hirschmugl führen als Firmenduo handwerkliches Wissen und neue Perspektiven zusammen.
Materialwissen beginnt beim Angreifen: Putz- und Farbschichtproben geben Hinweise auf historische Oberflächen und helfen, passende Materialien für die Sanierung zu finden.
Willkommen im Farbparadies von Hirschmugl: Pigmente, Lasuren und Naturfarben zeigen die Vielfalt denkmalgerechter und ökologischer Farbgestaltung.

Fehlt auch Vertrauen in ökologische Materialien?

Johannes Hirschmugl: Teilweise ist Vertrauen da, zum Beispiel bei Farben in der denkmalgeschützten Sanierung. Dort gibt es noch Wissen, man weiß, was länger hält. Aber das ist nur ein kleiner Bereich.

Hinter nachhaltigen Produkten stehen oft kleinere Firmen. Die tun sich beim Servicieren und Freigeben manchmal schwerer, auch weil sie sich nicht dreifach absichern können. Deshalb ist das Vertrauen in manche Produkte schwieriger aufzubauen. Dazu kommt: Viele Produkte sind höherpreisig, und das macht die Argumentation nicht leichter.

 

Welche Materialien oder Lösungen haben bei Gründerzeithäusern besonders großes Potenzial?

Alois Hirschmugl: Prinzipiell alles, was diffusionsoffen ist. Da kommen wir zurück zu den Ursprüngen von Kalk, teilweise von Lehm und Ziegelbau. Ein anderes Thema ist der Leichtbau im Innenausbau, damit die ohnehin schon schwere Masse nicht noch schwerer wird.

Beim Brandschutz gibt es große Herausforderungen. In der Natur gibt es nichts, das nicht brennt. Aber wenn es Aufbauten gibt, die die Anforderungen erfüllen, sollte man das akzeptieren. Oft fahren viele mit Hosenträger und Gurt. Wir brauchen hier mehr guten Willen und bessere Möglichkeiten, Forschung und Prüfungen für nachwachsende Rohstoffe zu finanzieren.

Johannes Hirschmugl: Das Nutzungsverhalten hat sich verändert. Dadurch werden Oberflächen in der Sanierung komplexer. Zur Entstehungszeit der Gründerzeithäuser wurde Mörtel noch auf der Baustelle selbst angerührt, mit kaum chemischen Beigaben, ohne Trocknungsbeschleuniger. Das Haus funktioniert mit diesen Lösungen aus der Zeit um 1900 am besten.

Heute haben wir andere Nutzungen, andere Behaglichkeitsansprüche und andere Normen. Die Frage ist: Wie kombiniert man diese Ansprüche mit der Atmungsaktivität der Wände, mit Schall- und Wärmeschutz und mit heutigen Vorschriften? Wie bringt man die Geschichte des Gebäudes in die neue Zeit, ohne dass Nutzer:innen auf Komfort verzichten müssen?

 

Was sollte am Ende von natuREnovation konkret herauskommen?

Johannes Hirschmugl: Ich finde positiv, dass wir uns im Projekt Knotenpunkte vorgenommen haben. Sockel, Decken, oberste Geschossdecke. Mein Wunsch wäre, zu diesen Knotenpunkten ein bis drei Lösungen zu entwickeln, an denen man weiterarbeiten kann.

Naturbaustoffe, Muster und Aufbauten für ökologisches Bauen und Sanieren: von Lehm und Hanf bis Schafwolle.

Welche Perspektive kommt in der Diskussion über ökologische Sanierung oft zu kurz?

Johannes Hirschmugl: Mir fehlt die Regionalität. Ich hatte einen Lehrmeister, der war 72, und mich hat immer interessiert, wie sie früher gearbeitet haben, ohne die ganze heutige Technologie. Er hat erzählt: Dann bist du halt zum Nachbarort gegangen, dort war ein Bergwerk mit Sand, in der Nähe gab es ein Zementwerk oder eine Kalkgrube, und mit diesen Mitteln hast du gearbeitet.

Jede Baustelle hat wie ein dezentraler Organismus funktioniert. Heute sind wir maximal zentralisiert. Das hat den Nachteil, dass auf der Baustelle weniger nachgedacht wird. Ich finde es schade, dass dieses Wissen, das einmal da war – mit regionalen Mitteln zu arbeiten –, fast verloren gegangen ist.

Mein Traum wäre, dass man auf der Baustelle wieder zuerst fragt: Welche Mittel stehen mir vor Ort oder in der Region überhaupt zur Verfügung?

Alois Hirschmugl: Eigentlich soll wieder der Mensch im Mittelpunkt stehen. Vom Auftraggeber bis zum Planer. Was will der Mensch da drinnen? Das wird viel zu selten gefragt. Planer verwirklichen oft ihre Ideen, aber fragen nicht genug: Was wollt Ihr?

Wenn der Mensch im Mittelpunkt stehen würde, wären auch nachwachsende Materialien leichter zu verstehen. Wir machen ja nichts anderes, als uraltes Wissen in neue Fassungen und neue Produkte zu bringen.

 

Welche Rolle spielt Kreislaufwirtschaft in Eurer Arbeit?

Alois Hirschmugl: In unserer früheren Gewerbehalle haben wir viele Einbauten gemacht und uns selbst bewiesen, dass man sie wieder zurückbauen kann. Nahezu alles, was wir dort verwendet haben, konnten wir wieder ausbauen und weiterverwenden.

Diese bewusste Kreislaufwirtschaft bereitet uns Freude. Lehm-Stroh-Plattensysteme kann man zurückbauen. Den Putz kann man abnehmen, und wenn er nicht mehr aufbereitbar ist, zumindest zur Humusbildung verwenden. Da haben wir gemerkt: Es geht.

Jetzt müssen wir lernen, das glaubwürdig zu transportieren. Wenn ich sagen kann, ich nehme Holz, Schafwolle, Lehm- und Strohplatten wieder heraus und verwende sie weiter, dann heißt das: einmal gekauft und es ist für die Ewigkeit. Die Herausforderung ist, aus dem Schwurbeln ins Konkrete zu kommen, damit es auch angenommen wird.

Vom Anrühren bis zur Musterfläche: Bei Hirschmugl wird die passende Farbe für ein denkmalgeschütztes Gebäude sorgfältig entwickelt, abgewogen, gemischt und geprüft bis Ton, Materialität und historische Oberfläche zusammenpassen.

Johannes, du hast vorhin vom Wasser gesprochen. Warum ist dieser Gedanke für Gebäude so wichtig?

Johannes Hirschmugl: Alle unsere Körperteile brauchen Wasser und bestehen daraus. Ähnlich geht es Gebäuden. Wenn wir ihnen die Möglichkeit nehmen, mit Feuchtigkeit umzugehen, haben sie ähnliche Probleme wie wir, wenn wir bei 30 Grad mit der Regenjacke laufen gehen.

Wenn ein Gebäude Teil unseres Lebens ist, Teil unserer Gesundheit, dann sehen wir auch seine Wertigkeit anders. Es schützt uns nicht nur vor Wind und Wetter. Es kann uns Ruhe und Kraft geben. Das ist eine Form der Wertschätzung.

 

Was ist Eure wichtigste Botschaft für natuREnovation?

Alois Hirschmugl: Dass wir altes Wissen ernst nehmen und mit neuen Möglichkeiten verbinden. Wir brauchen wissenschaftliche Ergebnisse, aber auch Erfahrung aus der Praxis. Beides zusammen kann helfen, ökologische Sanierung glaubwürdig und anwendbar zu machen.

Johannes Hirschmugl: Und, dass wir Gründerzeithäuser nicht nur technisch betrachten. Sie haben Geschichte, Materialität und Charakter. Wenn wir lernen, mit dieser Substanz richtig umzugehen, können wir sie in die Zukunft bringen: mit ökologischen Materialien, mit Respekt und mit mehr Nähe zum Gebäude.

 

Danke für das Gespräch.

 

Alois Hirschmugl

ist Gründer und Geschäftsführer von Hirschmugl KG

 

Johannes Hirschmugl

ist der Allrounder und Juniorchef von Hirschmugl KG

 

Das Gespräch mit Alois und Johannes Hirschmugl führte Barbara Kanzian.

 

Alle Fotos: ©Barbara Kanzian