Welche Kompetenzen bringt die TU Wien in natuREnovation ein?
Azra Korjenic: Wir übernehmen die Projektleitung und die wissenschaftliche Begleitung. Unsere Kompetenzen liegen in der Bauphysik, bei ökologischen Materialien, Simulationen und Messungen.
Zu Beginn sammeln wir den Stand des Wissens und bewerten ihn gemeinsam mit den Projektpartner:innen. Wir schauen uns an, wo die Herausforderungen in der Praxis liegen: Was funktioniert gut? Wo entstehen Probleme? Was muss man genauer untersuchen? Daraus entwickeln wir gemeinsam ökologische Lösungen für die Sanierung von Gründerzeithäusern.
© Barbara Kanzian
„Gründerzeithäuser sind kein Problemfall, sondern eine wichtige Ressource für die nachhaltige Stadtentwicklung,“ so natuREnovation-Projektleiterin Azra Korjenic.
Also geht es nicht nur um Theorie, sondern stark um die Praxis?
Azra Korjenic: Genau. Die Erfahrungen unserer Partner:innen sind für das Projekt sehr wichtig. Sie wissen, was auf Baustellen und in der Planung funktioniert und wo es schwierig wird.
Wir führen dazu Messungen im Labor und auf unserem Freiluftprüfstand und In-Situ durch, erstellen bauphysikalische Simulationen und prüfen, ob die Lösungen dauerhaft funktionieren. Am Ende müssen wir zeigen können: Diese Materialien und Konstruktionen sind nicht nur ökologisch, sondern auch bauphysikalisch richtig.
Was ist dir bei ökologischer Sanierung besonders wichtig?
Azra Korjenic: Dass die richtigen Materialien an den richtigen Stellen eingesetzt werden. Gerade in der Sanierung ist das entscheidend. Wenn Materialien falsch verwendet werden, entstehen Feuchteprobleme, etwa im Keller, in erdberührten Bereichen oder bei Holzdecken und Balkenköpfen.
Das betrifft übrigens nicht nur ökologische Sanierungen, sondern auch Standardsanierungen. Deshalb schauen wir uns in natuREnovation genau an, wo Sanierungen heute scheitern und wo Bauschäden entstehen. Für diese kritischen Bereiche wollen wir ökologische Lösungen finden.
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Das Projektteam bespricht Materialproben, Aufbauten und bauphysikalische Fragen für natuREnovation.
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Materialproben und Baustoffmuster im Labor.
Du sagst: Dauerhaftigkeit ist Ökologie. Was bedeutet das?
Azra Korjenic: Es bringt nichts, nachwachsende oder ökologische Materialien einzusetzen, wenn die Konstruktion langfristig nicht funktioniert. Eine Sanierung ist nur dann ökologisch sinnvoll, wenn sie dauerhaft ist.
Deshalb müssen wir genau prüfen, welche Materialien wo geeignet sind. Ökologische Lösungen müssen bauphysikalisch und hygrotechnisch funktionieren. Das wollen wir mit Messungen und Simulationen nachweisen.
Wie bringst Du die vielen Partner:innen im Projekt zusammen?
Azra Korjenic: Wir haben damit begonnen, dass die Partner:innen ihre Erfahrungen im Konsortium vorstellen. So sehen alle, welches Wissen vorhanden ist und wo andere bereits an Grenzen gestoßen sind.
Das Konsortium ist sehr vielfältig: Forscher:innen, Architekt:innen, Gebäudetechniker:innen, Materialhersteller:innen, Baustoffhändler:innen, Anwender:innen aus der Praxis, Partner:innen für Wissensvermittlung und Expert:innen für Digitalisierung. Diese unterschiedlichen Perspektiven sind eine große Stärke. Wenn sich alle einbringen, entsteht ein viel vollständigeres Bild.
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Klimakammern im Labor des TU Science Centers: Hier werden Materialien und Bauteilaufbauten unter kontrollierten Bedingungen untersucht.
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Azra Korjenic bei der Prüfung von Materialproben in der Klimakammer.
Viele Partner:innen waren bereits bei natuREbuilt dabei. Was nimmst Du aus diesem Vorgängerprojekt mit?
Azra Korjenic: Sehr viel. Bei natuREbuilt konnten wir viel Wissen über ökologische Materialien in Österreich sammeln: Welche neuen Materialien gibt es? Wo und wie wurden sie bisher eingesetzt? Welche Konstruktionen sind möglich?
Gleichzeitig ist aus natuREbuilt ein starkes Netzwerk entstanden. Wir sind als Gruppe heute auf einem Wissensstand, den wir vorher nicht hatten. Das ist eine sehr gute Basis für natuREnovation.
Was ist bei natuREnovation nun anders?
Azra Korjenic: Der Fokus liegt jetzt auf dem Bestand. Bei natuREbuilt haben wir vor allem Neubaukonstruktionen betrachtet. Bei natuREnovation geht es um Gründerzeithäuser.
Das ist komplexer, weil die bestehende Konstruktion erhalten bleiben und weiter funktionieren muss. Wir entwickeln also nicht frei von Grund auf, sondern suchen ökologische Lösungen für vorhandene Bauteile, Anschlüsse und Schichten. Deshalb sind auch neue Kompetenzen dazugekommen, etwa Gebäudetechnik und Statik.
Warum stehen Gründerzeithäuser im Mittelpunkt?
Azra Korjenic: Weil wir mit dem Thema Sanierung viel stärker zur Erreichung der Klimaziele beitragen können als mit dem Neubau. Ein Neubau kommt immer zusätzlich dazu, auch wenn ökologische Materialien verwendet werden. Wirklich einsparen können wir im Bestand.
In Wien und anderen österreichischen Städten wie z. B. Graz und Linz gibt es sehr viele Gründerzeithäuser. Dort liegt großes Potenzial für Klimaschutz und Klimawandelanpassung.
Gleichzeitig wird heute oft noch mit nicht ökologischen Materialien saniert, weil sichere und erprobte Lösungsansätze fehlen.
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Das TU-Projektteam im Labor des TU Science Centers im Arsenal in Wien, wo für natuREnovation ökologische Sanierungslösungen untersucht und weiterentwickelt werden.
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Für natuREnovation werden Bauteile, Messaufbauten und digitale Werkzeuge vorbereitet, um ökologische Sanierungslösungen praxisnah zu untersuchen.
Wo siehst du die größte fachliche Herausforderung?
Azra Korjenic: Eine große Herausforderung ist die Kombination von ökologischen Materialien und Feuchteschutz. In erdberührten Bereichen braucht es z. B. Abdichtung oder Mauerwerksstabilisierung. Dafür gibt es noch keine fertigen ökologischen Standardlösungen.
Auch Innendämmungen sind anspruchsvoll. Da muss man sehr genau wissen, welche Materialien, Schichten, Putze und Verspachtelungen zusammen funktionieren. Gerade hier braucht es belastbare Nachweise.
Was soll am Ende des Projekts vorliegen?
Azra Korjenic: Wir wollen ökologische Lösungen für Gründerzeithäuser entwickeln – vom Keller bis zum Dachbodenausbau, für Konstruktionen, Anschlüsse und Details. Diese Lösungen sollen dauerhaft sein, bauphysikalisch funktionieren und in der Praxis angewendet werden können.
Wichtig ist auch die Digitalisierung. Die Ergebnisse sollen auf der Website zugänglich gemacht werden, digital, mit Erklärungen, Details und Zeichnungen. Die Planer:innen sollen sie direkt nutzen können.
Wann wäre natuREnovation für dich erfolgreich?
Azra Korjenic: Wenn am Ende mehrere ökologische Lösungen für Gründerzeithäuser öffentlich verfügbar sind: verständlich erklärt, mit Details und Zeichnungen, sodass sie in der Planung wirklich verwendet werden können.
Und wenn diese Lösungen nicht nur theoretisch gut sind, sondern für die Praxis taugen. Wir achten dabei besonders darauf, mit Materialien zu arbeiten, die in Österreich verfügbar sind.
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Messungen im Prüfstand.
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Im TU Science Center werden Details für ökologische Sanierungslösungen von Gründerzeitgebäuden besprochen und weiterentwickelt.
Wer soll von den Ergebnissen profitieren?
Azra Korjenic: Alle, die an der Sanierung von Gründerzeithäusern beteiligt sind: Planer:innen, Materialhersteller:innen, Eigentümer:innen, Bauträger und natürlich auch die Menschen, die in diesen Häusern wohnen.
Am Ende geht es nicht nur um funktionierende Konstruktionen. Es geht um gesunde, ökologische und langlebige Wohnräume.
Welche Perspektive kommt in der Diskussion über ökologische Sanierung oft zu kurz?
Azra Korjenic: Der Bestand wird noch zu wenig als Ressource gesehen. Oft steht nur die Frage im Vordergrund, ob sich eine Sanierung finanziell auszahlt oder ob ein Abriss einfacher wäre. Aber ein Bestandsgebäude ist auch ein Materiallager und eine Grundlage, auf der man weiterbauen kann.
Außerdem gibt es bei ökologischen Materialien noch viele Vorbehalte. Viele fragen sich: Funktionieren diese Materialien wirklich? Genau deshalb sind Nachweise so wichtig. Wir wollen im Projekt zeigen, wo und wie ökologische Lösungen funktionieren.
Welche Rolle spielen Gesundheit, Raumklima und Lebensqualität?
Azra Korjenic: Eine sehr große. Wir bauen für Menschen. Technisch ist heute sehr viel möglich, aber wenn Gebäude nicht gesund sind oder nicht nutzergerecht geplant werden, bringt das wenig.
Ökologische Materialien können hier einen wichtigen Beitrag leisten, weil sie meistens schadstofffrei sind und ein gesundes Wohnen unterstützen. Für mich gehört das unbedingt zur Bauqualität dazu.
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v. li. n. re.: Simon Sutrich, Sara Alasu, Julia Zeiner, Abdulah Sulejmanovski und Arza Korjenic
Was müsste stärker in Planung, Bauwirtschaft und Politik ankommen?
Azra Korjenic: Dass man den gesamten Lebenszyklus betrachten muss. Oft werden nur die Investitionskosten gesehen. Instandhaltung, Rückbau, Entsorgung oder die Transportwege werden zu wenig berücksichtigt.
Ökologisches Bauen kann in der Anschaffung teurer sein. Wenn man aber die Lebenszykluskosten, Dauerhaftigkeit und den Rückbau mitdenkt, entsteht ein anderes Bild. Dieses Denken muss stärker in der Praxis ankommen.
Und wie wichtig ist die Kommunikation des Projekts?
Azra Korjenic: Sehr wichtig. Man kann die besten Lösungen entwickeln, wenn sie niemand kennt oder anwenden kann, bringen sie wenig.
Deshalb sind Workshops mit Stakeholdern, die konstante Aktualisierung der Website, Veröffentlichungen, Interviews und Social Media wichtige Bestandteile des Projekts. Wir wollen unsere Zwischenergebnisse mit unterschiedlichen Stakeholdern diskutieren, etwa mit der Stadt Wien inklusive Baupolizei, Verwaltung, Baupolizei, Politik und Praxis. So bekommen wir Feedback und können die Entwicklungen weiter optimieren.
Was ist deine wichtigste Botschaft für natuREnovation?
Azra Korjenic: Gründerzeithäuser sind kein Problemfall, sondern eine wichtige Ressource für die nachhaltige Stadtentwicklung. Sie prägen das Stadtbild, bewahren Baukultur und zeigen durch ihre lange Lebensdauer, welches Potenzial im Bestand steckt. Wenn es gelingt, ökologische, leistbare und praxistaugliche Sanierungslösungen für diesen Gebäudebestand zu entwickeln, kann das weit über das Projekt hinaus Vorbildwirkung entfalten.
Danke für das Gespräch.
Univ.Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn. Azra Korjenic
leitet seit 2019 den Forschungsbereich Ökologische Bautechnologien und seit 2024 das Institut für Werkstofftechnologie, Bauphysik und Bauökologie an der TU Wien. Sowohl bei natuREbuilt als auch bei natuREnovation verantwortet sie die Projektleitung.
Das TU-Team für natuREnovation
Dipl.-Ing. Dr.techn. Florian Teichmann, Projektassistent
Dipl.-Ing. Sara Alasu, Universitätsassistentin
Julia Zeiner, BSc, studentische Mitarbeiterin
Ing. Abdulah Sulejmanovski, technischer Assistent
Simon Sutrich, studentischer Mitarbeiter
Das Interview mit Azra Korjenic führte Barbara Kanzian.