Wofür steht die Vinzenz Harrer GmbH und welches Know-how bringt Ihr in natuREnovation ein?
Vinzenz Harrer: Wir kommen ursprünglich aus dem Holzbau und haben uns sehr früh mit nachwachsenden Rohstoffen beschäftigt: Zellulose, Dampfbremsen aus Pappe, Holzfaser, Hanf. Für uns war immer logisch: Wenn wir mit Holz arbeiten, wollen wir keine Produkte einsetzen, die im Widerspruch zu diesem Werkstoff stehen.
Anfang der 1990er-Jahre konnte man viele Produkte, die heute selbstverständlich sind, nicht einfach von der Stange kaufen. Wir mussten uns also mit Beschaffung, Produzenten, Rohstoffen und Kundenbedürfnissen auseinandersetzen. Ein Baustoff muss praktikabel und funktionell sein. Gewährleistung, Haltbarkeit, Langlebigkeit und Nutzbarkeit müssen erfüllt werden.
So sind wir Schritt für Schritt durch Vernetzung, eigene Produktentwicklungen, Austausch mit Produzenten und Mitarbeit in Normungsausschüssen gewachsen. Heute sind wir Zulieferer für den Holzbau, aber bei unseren Produkten schwingt immer die Alternative mit: Statt Mineralfaser Zellulose oder Holzfaser, statt Styropor andere Lösungen.
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Vinzenz Harrer, Geschäftsführer der Vinzenz Harrer GmbH in Badl, im Interview
Heute ist Zellulose ein etablierter Dämmstoff. War das am Anfang anders?
Vinzenz Harrer: Ja, völlig. Als wir begonnen haben, war Zellulose ein Thema für einen kleinen Kundenkreis, der sehr ökologisch gedacht hat. Heute ist Zellulose ein konventioneller Dämmstoff geworden. Die Menge hat sich verändert, dadurch auch der Preis und die Akzeptanz.
Trotzdem bleibt der Markt herausfordernd. Gerade kleine und mittlere Händler stehen unter starkem Druck der großen Industrien. Bei uns kauft der Kunde immer auch Verantwortung mit: für Ressourcen, Nachhaltigkeit, Umwelt und Gesellschaft. Das sehen wir als unseren Auftrag und deshalb sind wir auch in Projekten wie natuREbuilt und natuREnovation dabei.
Du warst bereits bei natuREbuilt beteiligt. Was nimmst du aus diesem Projekt mit?
Vinzenz Harrer: Vor allem die unterschiedlichen Zugänge. Da treffen Forschung, Architektur, Produzenten und ausführende Unternehmen aufeinander. Das ist wichtig, weil sich damit ein Kreis schließt: Forschung entwickelt, Planung übersetzt, Produzenten liefern und die Praxis zeigt, ob etwas tatsächlich funktioniert.
Diese Vielfalt ist entscheidend. Nur wenn diese Perspektiven zusammenkommen, kann man Lösungen entwickeln, die nicht nur im Labor oder auf dem Papier funktionieren.
Bei natuREnovation geht es nun um die Gründerzeithäuser. Was verändert sich dadurch?
Vinzenz Harrer: Bei Gründerzeithäusern muss man zuerst analysieren. Im Neubau kann man ein System entwickeln und relativ frei planen. In der Sanierung muss man mit dem umgehen, was da ist. Man muss die Geschichte des Gebäudes verstehen, die Bausubstanz würdigen und trotzdem heutige Erwartungen erfüllen.
Das macht es spannend. Denn wir wollen ja Beständigkeit und Werthaltigkeit bewahren und gleichzeitig bessere, ökologische Lösungen finden.
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Austausch über Materialien, Details und Anwendungen im ökologischen Holzbau.
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Baubiologe Martin Rummel (links) und Bernd Lederwasch, Leiter Technik bei der Vinzenz Harrer GmbH, vor einer Einblasmaschine für Zellulose- und Hanfdämmung.
Wo scheitert ökologische Sanierung heute noch in der Praxis?
Vinzenz Harrer: Zum einen am Wissen über ökologische Produkte. Zum anderen an den Kosten. Hochwertige Produkte sind teurer, und nachhaltige Produkte gehören oft dazu.
Aber es geht nicht nur um den Preis. Es geht auch darum, ob alle Beteiligten wissen, was sie tun. Wenn wir über andere Bauweisen und andere Systeme sprechen, brauchen wir Wissenstransfer und Wissensausgleich zwischen Bauherrschaft, Planung, Ausführung und Produzenten.
Was braucht es, damit neue ökologische Lösungen tatsächlich eingesetzt werden?
Vinzenz Harrer: Es braucht eine Konzeption aller Beteiligten. Der Bauherr muss sich überlegen: Was möchte ich erreichen? Wo liegt meine Verantwortung? Gleichzeitig braucht es Verfügbarkeit und Know-how, um die Lösungen anwenden zu können.
Ein weiteres Thema ist der Wettbewerb. Wenn es bei einer Ausschreibung nur einen Anbieter gibt, ist das schwierig, weil kein Preis- und Systemvergleich möglich ist. Damit ökologische Lösungen breiter eingesetzt werden, braucht es also nicht nur gute Produkte, sondern auch einen Markt, der Vergleich, Auswahl und Anwendung zulässt.
Welche Materialien haben aus deiner Sicht besonderes Potenzial für Gründerzeithäuser?
Vinzenz Harrer: Kalk und Lehm spielen sicher eine große Rolle, ebenso Natursteine. Dazu kommen Dämmstoffe wie Zellulose, Holzfaser oder Hanf. Gerade Dämmstoffe bringen großen Nutzen, und die Preisunterschiede sind nicht immer so groß, wie oft angenommen wird.
Wichtig ist aber, dass man Produkte fertigdenkt: Was verursachen sie in der Produktion? Was passiert beim Einbau? Wie verhalten sie sich in der Nutzung? Und was passiert danach? Das muss man mit allen Beteiligten zusammendenken.
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Vinzenz Harrer vor der „Wand der Erinnerungen“: Sie zeigt frühe Projekte, mit denen das Unternehmen ökologische Baustoffe und Holzbaulösungen in die Praxis gebracht hat.
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v.li.n.re.: Vinzenz Harrer, Renate Mikscha (Marketing), Bernd Lederwasch (Leiter Technik) und Baubiologe Martin Rummel
Du betonst immer wieder die Rolle der Bauherrschaft. Warum ist sie so wichtig?
Vinzenz Harrer: Ich glaube, die Rolle des Bauherrn wird unterschätzt. Man konzentriert sich oft auf den Anwender, also auf Handwerker oder Planer. Aber der Bauherr muss nicht nur akzeptieren, sondern auch finanzieren. Er will einen Nutzen daraus haben.
Vor 20 Jahren gab es eine starke baubiologische Welle. Da kam der Druck oft vom Endkunden, unter ihnen Weltverbesserer und Umweltschützer. Heute ist das Bauen funktioneller geworden. Viele Menschen kommen erst sehr spät mit dem Bauwerk in Kontakt, etwa wenn sie eine Wohnung beziehen. Deshalb würde ich mir wieder mehr Nähe und Wissen der Bauherrschaft zum Produkt wünschen.
Was sollte natuREnovation aus deiner Sicht am Ende liefern?
Vinzenz Harrer: Für mich geht es um Interessensausgleich: Was kann der Produzent? Was braucht die Gesellschaft? Was kann der Anwender umsetzen? Was kann der Bauherr nutzen und finanzieren?
Wir bauen im Projekt kein einzelnes Objekt. Wir wollen vorangehen und zeigen, dass nachhaltiges Denken, hochwertige Lösungen und wirtschaftliche Umsetzung zusammengehen können.
Wir reden alle viel von Qualität. Niemand möchte schlecht bauen, so wie niemand schlechtes Essen haben möchte. Aber Kosten und Nutzen müssen so im Einklang stehen, dass sich Menschen damit identifizieren können.
Welche Perspektive kommt in der Diskussion über ökologische Sanierung oft zu kurz?
Vinzenz Harrer: Die Mehrheitsfähigkeit. Auch bei Forschung und Entwicklung müssen wir uns fragen: Wird das, was wir entwickeln, mehrheitsfähig? Wir müssen uns von manchen Philosophien so weit lösen, dass wir ehrlich reflektieren: Was ist möglich, was nicht?
Die meisten Bauherrn wissen heute, dass es ökologischere Lösungen gibt. Die Frage ist: Warum setzen sie sie trotzdem nicht ein? Ein Grund ist die fehlende Nähe zum Produkt. Deshalb ist es wichtig, dass Planer und Handwerker dem Bauherrn ein haptisches Erlebnis ermöglichen. Man muss Materialien sehen, angreifen und verstehen können.
Und der zweite Punkt?
Vinzenz Harrer: Vertrauen. Wir sprechen über ökologische Produkte mit wenigen Stabilisatoren, die Langlebigkeit unterstützen. Da haben Kunden oft Angst. Investitionssicherheit ist kein Luxus, sondern ein Muss. Viele Menschen können es sich nicht leisten, zwei- oder dreimal im Leben ein Bauwerk zu realisieren.
Deshalb müssen wir Vertrauen herstellen und zeigen: Diese Lösungen sind langfristig, belastbar und wertbeständig.
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Vom Lager aus öffnet sich der Blick auf die Holzfassade des Firmengebäudes der Vinzenz Harrer GmbH in Badl in der Steiermark.
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Einblick in die Montagehalle Zarnhofer der Vinzenz Harrer GmbH in Frohnleiten, wo Holzbauelemente vorbereitet werden.
Du sprichst auch von einer starken Risikodiskussion. Was meinst du damit?
Vinzenz Harrer: Wir haben in Europa eine ausgeprägte Risikodiskussion. Wir wissen sehr schnell, was alles nicht geht. Aber wir führen zu wenig Perspektivendiskussion. Wir reden zu wenig darüber, welches Potenzial neue oder wiederentdeckte Materialien haben könnten.
In anderen Märkten, etwa in der Schweiz, wird mehr ausprobiert. In Deutschland kommt sehr schnell die Frage: Hat das eine Zulassung? Entspricht es der Norm? Wenn man das nicht beantworten kann, hat man schon ein Handicap. Österreich ist etwas liberaler, aber stark vom deutschen Markt beeinflusst.
Welche Rolle spielen Normen aus deiner Sicht?
Vinzenz Harrer: Normen geben Sicherheit und definieren Rahmenbedingungen. Das ist wichtig. Aber eine Norm macht ein Produkt nicht automatisch besser. Sie hilft, eine Leistung einzuordnen und anzuwenden.
Schwierig wird es, wenn etwas erst vollständig legalisiert sein muss, bevor man Erfahrungen damit sammeln darf. Dann wird Entwicklung langsam. Das angewandte Experiment kommt bei uns zu kurz. Früher gab es mehr Wohnbauforschung. Heute stellt sich sofort die Frage: Wer übernimmt dafür das Risiko?
Du meinst, es braucht mehr Entwicklung in Schritten?
Vinzenz Harrer: Ja. Wir sollten nicht nur über Prototypen sprechen, sondern auch über evolutionäre Entwicklungen. Man wird besser, wenn es mehr Anwendungen, mehr Kunden und mehr Nutzungen gibt. Irgendwann muss man den Stein ins Rollen bringen.
Viele nachwachsende Rohstoffe wirken in der Diskussion so, als wären sie erst seit gestern am Markt. Dabei gibt es Lehm, Hanf, Flachs, Schafwolle, Zellulose und Holzfaser seit langer Zeit. Trotzdem führen wir immer noch dieselbe Grundsatzdiskussion: Ist das überhaupt etwas Gescheites? Ist das ein Risiko für den Bauherrn?
Bei vielen dieser Materialien müsste man diese Frage eigentlich nicht mehr stellen, weil sie sich über viele Jahrhunderte bewährt haben.
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Dämmplatte und Hanf im Detail: Nachwachsende Rohstoffe wie Hanf zeigen, wie ökologische Materialien im Holzbau und in der Sanierung eingesetzt werden können.
Was müsste sich politisch oder strukturell ändern?
Vinzenz Harrer: Wir reden viel über CO₂-Einsparung, Ressourcenverbrauch, Nachhaltigkeit und Cradle-to-Cradle. Aber genaugenommen nehmen wir uns zu wenig konkret vor.
Warum gibt es keinen verpflichtenden Anteil an nachwachsenden Rohstoffen in Bauwerken? Warum sagt man nicht: Ein bestimmter Anteil eines konventionellen Bauwerks soll aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen? Oder: Wenn ein Bauträger 100 Wohnungen errichtet, sollen 10 Prozent unter ökologischen Gesichtspunkten realisiert werden.
Solche Ansätze könnten einen Markt schaffen. In der Steiermark gab es vor über 20 Jahren die erste Holzbaucharta, mit dem Ziel, 20 Prozent der Wohnbauten in Holz zu errichten. Das wäre auch heute ein interessanter Gedanke für die Ökologisierung.
Was braucht es, damit die Ergebnisse von natuREnovation Wirkung entfalten?
Vinzenz Harrer: Projekte dürfen nicht einfach enden, wenn das Geld ausgeht. Oft gibt es am Schluss einen Bericht, und dann ist es dem Zufall überlassen, ob etwas daraus wird. Für mich ist wichtig: Wie bringen wir den Inhalt in Wirkung? Wie setzen wir den nächsten Schritt?
Wir müssen aus der Sympathiespielecke heraus. Es reicht nicht, auf Messen missionarisch zu erklären, warum ökologische Baustoffe gut sind. Wir müssen uns mit dem Markt auseinandersetzen, mit Skalierung, Mitbewerb, Lobbying und Strukturen.
Wenn wir wirklich gesellschaftliche Wirkung wollen – gutes Wohn- und Raumklima, Energieeinsparung, weniger graue Energie –, dann brauchen wir einen Skalierungseffekt. Nur dann entsteht eine Dynamik, die über einzelne Projekte hinausgeht.
Was ist deine wichtigste Botschaft für natuREnovation?
Vinzenz Harrer: Ökologische Sanierung muss mehrheitsfähig werden. Sie darf nicht nur für Überzeugte funktionieren, sondern muss für Bauherrn, Planer, Handwerker und Produzenten nachvollziehbar, wirtschaftlich und vertrauenswürdig sein.
Dann können nachwachsende Rohstoffe und ökologische Lösungen aus der Nische herauskommen und dort ankommen, wo sie gebraucht werden: in der breiten Anwendung.
Danke für das Gespräch.
Vinzenz Harrer
ist Geschäftsführer der Vinzenz Harrer GmbH mit Sitz in Badl (Steiermark).
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Vinzenz Harrer
Das Interview mit Vinzenz Harrer führte Barbara Kanzian.
Alle Fotos: ©Barbara Kanzian