Julia, Du bist seit einigen Jahren im Betrieb tätig, aber noch nicht lange im Netzwerk dabei. Stell dich bitte kurz vor.
Julia Stefenelli: Ich bin seit fünf Jahren im Unternehmen und habe schon während meines BWL-Studiums mitgearbeitet. Im vergangenen Jahr habe ich meinen Bachelor abgeschlossen. Seither bin ich vor allem in der Disposition tätig und begleite die Abläufe vom Auftrag bis zur Rechnung. Als Familienunternehmen denken wir natürlich auch langfristig und ich werde das Unternehmen einmal übernehmen.
Und bei natuREnovation?
Julia Stefenelli: Das überlasse ich derzeit noch der Mama.
Claudia, welches Know-how bringt Ihr in natuREnovation ein?
Claudia Stefenelli-Herz: Wir beschäftigen uns seit vielen Jahrzehnten mit mineralischen und natürlichen Baustoffen. Unser Unternehmen gibt es seit 1924, dadurch ist sehr viel Erfahrungswissen vorhanden.
Für Gründerzeithäuser sind Materialien interessant, die zur vorhandenen Bauweise passen. Ein Beispiel ist das Stauss-Ziegelgewebe, mit dem sich etwa Gewölbe oder Gesimse herstellen beziehungsweise ergänzen lassen. Ein anderes ist expandierte Perlite als leichter, mineralischer Dämmstoff.
Julia Stefenelli: Dieses jahrzehntelange Know-how ist sicher etwas, das wir in das Projekt einbringen können. Viele Anwendungen haben sich über lange Zeit bewährt.
Claudia Stefenelli-Herz: Unsere Materialien wurden auch in vielen denkmalgeschützten Gebäuden eingesetzt. Gerade dort lernt man viel darüber, wie man mit bestehender Bausubstanz umgehen muss.
Was ist Perlite eigentlich?
Claudia Stefenelli-Herz: Perlite ist vulkanisches Gestein, das Wasser im Gestein gebunden hat. Beim Erhitzen verdampft dieses Wasser und das Material expandiert: Es „ploppt“ auf. Dadurch entsteht ein sehr leichtes Granulat.
Das Rohmaterial ist nicht überall gleich. Je nach Herkunft und späterer Anwendung braucht man unterschiedliche Körnungen, Gewichte und Festigkeiten. Genau das ist auch ein Teil des Know-hows: zu wissen, welches Material für welche Anwendung geeignet ist.
© Barbara Kanzian
„Was heute als neu wahrgenommen wird, sind oft sehr alte Baustoffe,“ so Claudia Stefenelli-Herz
Welche Rolle kann ein so leichter mineralischer Dämmstoff gerade bei Gründerzeithäusern spielen?
Claudia Stefenelli-Herz: Vor allem bei Deckenkonstruktionen ist das geringe Gewicht interessant. Expandierte Perlite wiegt etwa 80 Kilogramm pro Kubikmeter. Gerade im Bestand ist das ein Vorteil, weil man bestehende Konstruktionen möglichst wenig zusätzlich belasten möchte.
Ein weiteres Thema ist der Schallschutz. Bei Böden oder Wänden muss man in Gründerzeithäusern häufig Verbesserungen erreichen, ohne viel Gewicht oder Aufbauhöhe dazuzugeben.
Ein Beispiel wäre eine vorgesetzte Stauss-Wand, die mit Perlite hinterfüllt wird. Solche Konstruktionen ähneln in ihrem Aufbau teilweise der damaligen Bauweise und lassen sich deshalb gut mit dem Bestand verbinden.
Julia Stefenelli: Und bei Dachböden spielt auch eine Rolle, dass ein mineralisches Material für Ungeziefer uninteressant ist.
Ihr wart bereits bei natuREbuilt beteiligt. Was nehmt Ihr aus diesem Projekt mit?
Claudia Stefenelli-Herz: Für mich war besonders wichtig, die anderen Perspektiven kennenzulernen. Als Produzent schaut man naturgemäß sehr stark auf das Material. Bei natuREbuilt habe ich viel stärker verstanden, wie ArchitektInnen und ForscherInnen denken und welche Anforderungen im großvolumigen Bauen dazukommen.
Plötzlich geht es um Fragen wie: Welche Vorschriften muss eine Konstruktion erfüllen? Warum kann ein Material an einer bestimmten Stelle nicht eingesetzt werden? Was muss verändert werden, damit es funktioniert?
Diese Zusammenarbeit war für mich enorm wertvoll. Man lernt über das eigene Material hinauszudenken. Und letztlich wollen wir alle dasselbe: Gebäude schaffen, die für die Menschen gut funktionieren.
Brandschutz war bereits bei natuREbuilt ein wichtiges Thema. Was habt Ihr daraus mitgenommen?
Claudia Stefenelli-Herz: Gerade bei ökologischen Baustoffen gibt es beim Brandschutz oft Vorbehalte. Deshalb waren die gemeinsamen Versuche wichtig.
Im Rahmen der FSE-Brandschutztagung 2025 haben wir beispielsweise einen Cube mit unterschiedlichen ökologischen Materialien aufgebaut und einem Brandversuch unterzogen. Dabei konnte man sehr konkret sehen, welche Materialien wie kombiniert und konstruiert werden müssen, damit der Aufbau brandschutztechnisch funktioniert.
Das war auch ein gutes Beispiel dafür, was Forschung leisten kann: nicht nur darüber reden, sondern ausprobieren und nachweisen.
© Barbara Kanzian
Bei der Prüfung des Materials: Claudia Stefenelli-Herz und Julia Stefenelli vergleichen die Eigenschaften der expandierten Perlite.
© Barbara Kanzian
Zwei Generationen am Steuerpult: Claudia Stefenelli-Herz und Julia Stefenelli in der Perlite-Produktion.
Was verhindert heute noch, dass natürliche und ökologische Baustoffe häufiger eingesetzt werden?
Claudia Stefenelli-Herz: Vieles ist eine Frage des Vertrauens. Was heute als neu wahrgenommen wird, sind oft sehr alte Baustoffe. Lehm zum Beispiel wurde früher ganz selbstverständlich verwendet. Man muss den Umgang damit teilweise wieder lernen und dieses Wissen weitergeben.
Julia Stefenelli: Genau diese Unsicherheit merkt man oft in der Ausführung. Manchmal möchte der Bauherr ein bestimmtes Material, aber wenn jemand noch nie damit gearbeitet hat, kommen schnell Fragen: Funktioniert das wirklich? Kann ich mich darauf verlassen?
„Wenn jemand etwas nicht kennt oder noch nie verarbeitet hat, ist die Unsicherheit groß: Funktioniert das wirklich?“
Julia Stefenelli
Claudia Stefenelli-Herz: Gleichzeitig müssen Bauherrn und Ausführende den Mut haben, solche Lösungen auch einzusetzen. Es gibt genug Erfahrungen und Beispiele, die zeigen, dass sie funktionieren. Einfach tun!
Julia Stefenelli: Wir merken auch, dass Nachhaltigkeit und Brandschutz wieder stärker ins Bewusstsein rücken. Da findet gerade ein Umdenken statt.
Claudia Stefenelli-Herz: Und damit rückt auch der gesamte Lebenszyklus eines Gebäudes stärker in den Blick. Ein loses mineralisches Dämmmaterial kann beispielsweise bei einem Umbau wieder ausgebaut und an anderer Stelle eingesetzt werden. Solche Möglichkeiten werden bisher noch zu wenig mitgedacht.
Was sollte natuREnovation am Ende konkret liefern?
Claudia Stefenelli-Herz: Für mich wären einige wirklich gut durchdachte und geprüfte Aufbauten ein wichtiges Ergebnis: Aufbauten für Böden, Wände oder andere typische Situationen im Gründerzeithaus.
Ein konkretes Beispiel: Ich habe einen Fußboden, der saniert werden muss. Der Schallschutz soll verbessert werden, die bestehende Decke darf aber nicht stark zusätzlich belastet werden. Dafür braucht es einen Aufbau, bei dem Gewicht, Schallschutz und Ausführung gemeinsam gelöst sind.
Das Gleiche gilt für Wände. Wenn Grundrisse verändert werden, entstehen neue Anforderungen an den Schallschutz. Gleichzeitig möchte man möglichst wenig Wohnfläche verlieren. Hier wären fertig durchdachte Varianten hilfreich: von der Befestigung bis zum gesamten Aufbau.
Wenn wir am Ende solche Lösungen zur Verfügung haben, schafft das auch Vertrauen bei Planenden, Bauherrn und Ausführenden.
© Barbara Kanzian
Einblicke in die Produktion bei Stauss: vom Werksgelände über die Verarbeitung des Rohmaterials bis zu den Produktionsanlagen.
Wenn Ihr einen Irrtum über Perlite aus der Welt schaffen könntet, welcher wäre das?
Claudia Stefenelli-Herz: Dass weiße Kugerl automatisch Kunststoff sind. Wir verwenden expandierte Perlite zum Beispiel auch im Agrarbereich. Dort wird sie in Erde gemischt, um Wasser aufzunehmen und wieder abzugeben. Dann kommt manchmal sofort: „Das weiße Zeug ist doch Kunststoff.“ Aber nein: Das ist und bleibt Stein.
Vielen Dank für das Gespräch.
Claudia Stefenelli-Herz führt die Stauss Perlite GmbH als Geschäftsführerin.
Ihre Tochter Julia Stefenelli unterstützt sie als Assistentin der Geschäftsführung und verantwortet die Disposition.
Das Gespräch führte Barbara Kanzian, Kanzian Communication.
Alle Fotos: ©Barbara Kanzian