Gründerzeithäuser können vieles, was im heutigen Wohnbau oft verloren geht: großzügige Räume, flexible Grundrisse und Konstruktionen, die sich über Jahrzehnte verändern und an neue Nutzungen anpassen lassen. Für Architekt Heinz Geza Ambrozy liegt genau darin ihr Wert. Bei natuREnovation bringt er seine Erfahrung im nachhaltigen Wohn- und Holzbau sowie sein Wissen in der Detailplanung ein. Im folgenden Gespräch geht es darum, wie sich diese robuste Bausubstanz mit heutigen Anforderungen an Komfort, Klima und Energie verbinden lässt und warum dabei manchmal weniger mehr ist.
Wofür steht Atelier Ambrozy und welches Know-how bringst du in natuREnovation ein?
Heinz Geza Ambrozy: Wir stehen für qualitätsvollen und nachhaltigen Wohnbau, für Holzbau und für die Einbeziehung der Nutzer. Wir versuchen, mit der Sonne zu bauen und die Veränderungen durch den Klimawandel von Anfang an mitzudenken. Auch Kinder spielen bei der Entwicklung von Wohnraum für mich eine wichtige Rolle.
Eine meiner Stärken ist die Detailplanung. Ich habe von Grund auf gelernt, konstruktive Details zu entwickeln, und erkenne oft schon im kleinen Maßstab, ob ein Anschluss funktionieren kann oder nicht. Dieses Wissen habe ich bereits bei natuREbuilt eingebracht und dort die Detailanschlüsse gezeichnet.
Was hast du aus natuREbuilt mitgenommen?
Heinz Geza Ambrozy: Vor allem die unterschiedlichen Sichtweisen der PartnerInnen. Ich bin in einem Tischlerbetrieb aufgewachsen und kenne deshalb auch die Perspektive des Gewerbes. Im Forschungsprojekt treffen Ausführung, Forschung, Baustoffhandel und Planung aufeinander. Man versteht dadurch besser, mit welchen Problemen die jeweils anderen zu tun haben.
Ein Beispiel ist die Zertifizierung neuer Baustoffe: Wie aufwendig ist das? Was kostet es? Oder die Frage nach dem Preis ökologischer Lösungen. Zwischen Beton mit EPS auf der einen Seite und unbehandeltem Massivholz auf der anderen gibt es viele Möglichkeiten. Mit Zellulose kann ich zum Beispiel ökologisch dämmen und trotzdem preislich vernünftig bleiben.
Man muss auch die KundInnen im Blick behalten. Wenn eine Lösung doppelt so viel kostet, ist es nachvollziehbar, dass sie schwierig umzusetzen ist.
© Barbara Kanzian
„Ich stelle mir immer vor, ich würde das für mich selber planen.“ Heinz Geza Ambrozy
Was macht Gründerzeithäuser für dich so interessant?
Heinz Geza Ambrozy: Mich beschäftigt besonders, wie wir sie an die klimatischen Veränderungen anpassen. Der Sommer 2026 hat gezeigt, welche Hitzeperioden auf uns zukommen. Wie können wir Beheizung, Belüftung, Kühlung und Energiegewinnung so integrieren, dass diese Häuser auch künftig gut bewohnbar bleiben?
Gleichzeitig besitzen Gründerzeithäuser räumliche Qualitäten, die im heutigen Wohnbau oft fehlen. Ein Hauptwohnraum ist durchschnittlich fünf Meter tief und zwei Fensterachsen breit – das sind rund 25 Quadratmeter. Da kann ich Klavier spielen, essen, für ein Kind ein Hochbett einbauen und noch weitere Funktionen unterbringen.
Heute entstehen oft viel schmalere Räume, die sich fast nur wie ein Waggon möblieren lassen.
Die Flexibilität ist also eine große Stärke des Bestands?
Heinz Geza Ambrozy: Ja. Gründerzeithäuser haben sich über Jahrzehnte immer wieder verändert. Wohnungen wurden zu Ordinationen oder Geschäftslokalen und wieder rückgebaut. Genau diese Offenheit sollten wir erhalten.
Auch die Bauteile selbst sind eine Ressource. Wenn etwas tatsächlich rückgebaut werden muss, lassen sich Ziegel, Tram, Dippelbäume oder Stahltraversen wiederverwenden.
Und wir können weiterbauen: Dachgeschosse ausbauen, Balkone ergänzen, Grünräume schaffen. Gerade die dicht bebauten Innenhöfe brauchen heute mehr Grün.
Wo liegen die größten planerischen Schwierigkeiten?
Heinz Geza Ambrozy: Ein schwieriger Bereich ist sicher das Souterrain und der Keller. Bei reich gegliederten Fassaden stellt sich wiederum die Frage, wie eine Dämmung unter heutigen Anforderungen überhaupt möglich ist.
Auch Innendämmungen sind bauphysikalisch heikel. Da braucht es Fachleute, die genau wissen, welche Materialien vorhanden sind und wie sie miteinander reagieren. Bei alten Putzsystemen muss man auf die ursprüngliche Materialität eingehen.
Viel von diesem Wissen ist verloren gegangen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es im Bauen oft nur darum, schnell neuen Wohnraum zu schaffen.
Ein weiteres Thema ist der Schallschutz. Einfache Ziegelwände zwischen Wohnungen erfüllen heutige Anforderungen häufig nicht. Genau hier setzt natuREnovation mit Berechnungen und praktischen Versuchen an.
© Barbara Kanzian
Heinz Geza und Maria Sabernig-Ambrozy mit Material- und Konstruktionsmodellen: Seine Tischlerausbildung prägt dabei den direkten Blick auf Holz, Material und Verarbeitung.
Wie findet man zwischen Erhalt, Komfort, Normen, Kosten und Ökologie die richtige Balance?
Heinz Geza Ambrozy: Ich stelle mir immer vor, ich würde das für mich selbst planen. Wenn die Materialität stimmt, ist der erste wichtige Schritt getan.
Natürlich müssen die Bauordnungen erfüllt werden. Gleichzeitig sollte alles, was neu eingebaut wird, später wieder verändert oder rückgebaut werden können.
Gerade das Gründerzeithaus zeigt, wie wichtig Funktionsneutralität ist. Die hohen Räume und flexiblen Grundrisse haben über viele Jahrzehnte ganz unterschiedliche Nutzungen ermöglicht. Dieses Prinzip sollten wir weiterführen.
Du sprichst oft von Einfachheit. Was bedeutet das konkret?
Heinz Geza Ambrozy: Mein Professor Ernst Hiesmayr hat immer gesagt: „Eins, zwei, drei – aus.“
Gemeint waren die Materialien: Je weniger Materialien ich miteinander vermische, desto leichter kann ich sie später wieder trennen, zurückbauen oder weiterverwenden. Je einfacher, desto besser für die Zukunft.
Was sollte natuREnovation am Ende liefern?
Heinz Geza Ambrozy: Vor allem Aufbauten, die wirklich verwendbar sind und PlanerInnen Sicherheit geben. Ideal wären geprüfte Lösungen und später auch entsprechende Prüfzertifikate.
Wir brauchen konkrete Details: Wie löse ich eine Innendämmung, wenn außen eine reich gegliederte Fassade erhalten bleiben muss? Was passiert mit einem Gesimse? Wie spielen Dämmung und Statik zusammen? Wie verstärke ich ein Fundament?
Es geht um das ganze Haus: Keller, Decken, Stiegenhauswände, Schallschutz sowie Innen- und Außendämmung.
Und wie kommt die Haustechnik ins Gründerzeithaus?
Heinz Geza Ambrozy: Auch dafür brauchen wir Lösungen. Wie integrieren wir Lüftungssysteme? Eine Querlüftung wäre ideal, aber bei einem Bassenagang, bei dem die Fenster zum Gang hinausgehen, ist das nicht so einfach.
Wir müssen überlegen, wie wir diese Häuser technisch in die Zukunft bringen: mit niedrigen Energiekosten, gesunder Luft und Energiegewinnung am eigenen Grundstück. Das Gebäude sollte möglichst auch selbst Energie erzeugen können.
Was wird beim ökologischen Sanieren deiner Meinung nach noch falsch bewertet?
Heinz Geza Ambrozy: In Österreich ist die Bewertung teilweise zum Nachteil ökologischer Baustoffe. Wenn man einen Betonbau mit EPS und ein ökologisches Gebäude wirklich über den gesamten Kreislauf vergleichen und richtig bewerten würde, sähe das Ergebnis oft zugunsten der ökologischen Materialien aus.
Wird Bestand inzwischen ausreichend als Ressource gesehen?
Heinz Geza Ambrozy: In der Stadt eher. Baugrund wird knapp, und Gründerzeithäuser sind bereits Teil einer dichten Stadtstruktur.
Am Land sehe ich noch großen Nachholbedarf. Wir können nicht ständig an den Ortsrändern weiterbauen und gleichzeitig die Ortskerne leer werden lassen. Damit zersiedeln wir nicht nur die Landschaft, auch die Infrastruktur- und Versorgungswege werden immer länger und ineffizienter.
Es gibt sehr gute Beispiele, bei denen Ortskerne wiederbelebt und auch für ältere Menschen attraktiv gemacht werden. Bestehendes wieder zu nutzen, müsste viel stärker gefördert werden.
„Wir müssen die Ortskerne aufwerten und den Bestand dort nutzen.“
Heinz Geza Ambrozy
Hast du noch einen Wunsch für natuREnovation?
Heinz Geza Ambrozy: Ich wünsche mir, dass die Ergebnisse im Projekt gut sichtbar gemacht und laufend geteilt werden. Es wäre schade, wenn wertvolle Erkenntnisse irgendwo in Unterlagen stehen, aber nicht dort ankommen, wo sie gebraucht werden.
Mir gefällt der Ansatz der Forschungsreihe „Einfach bauen“ von Florian Nagler sehr gut. Auch bei natuREnovation sollte es darum gehen, Lösungen verständlich aufzubereiten und so weiterzugeben, dass sie in der Praxis tatsächlich genutzt werden können.
Vielen Dank für das Gespräch.
Heinz Geza Ambrozy
ist Architekt und Geschäftsführer des Architekturbüros Atelier Ambrozy, das er gemeinsam mit seiner Partnerin
Maria Sabernig-Ambrozy führt. Sie ist Architektin und hält in vielen Bereichen des Büros die Fäden zusammen.
Das Gespräch führte Barbara Kanzian, Kanzian Communication.
Alle Fotos: ©Barbara Kanzian