Ein Gründerzeithaus ist kein Neubau mit alter Fassade. Wände, Decken und Materialien sind bereits da: Oft in Varianten, die sich erst beim genaueren Hinsehen zeigen. Wer ökologisch sanieren will, muss deshalb mit dem Bestand arbeiten und trotzdem heutige Anforderungen an Brandschutz, Schallschutz, Komfort und Kreislauffähigkeit erfüllen.
MAGK Architekten bringt die Erfahrungen aus natuREbuilt nun in natuREnovation ein. Martin Aichholzer und Sophie Höller arbeiten daran, ökologische Lösungen so weiterzuentwickeln, dass sie nicht nur in der Forschung funktionieren, sondern auch planbar und in der Praxis anwendbar werden.
Martin, was ist der wesentliche Unterschied zwischen natuREbuilt und natuREnovation?
Martin Aichholzer: Bei natuREbuilt ging es um den Neubau, bei natuREnovation um die ökologische Sanierung von Gründerzeithäusern. Das ist eine ganz andere Aufgabe.
Im Neubau kann ich mir die Baustoffe relativ frei zusammenstellen. Beim Gründerzeithaus arbeite ich mit dem, was da ist: Ziegel, Holzdecken, Kastenfenster, überwiegend mineralische Konstruktionen. Es geht um das Ergänzen und Verbessern.
Gründerzeithäuser wurden vor 100 oder 150 Jahren mit wenigen Materialien gebaut. Heute kommen durch den Brandschutz, Schallschutz und andere technische Anforderungen häufig Stoffe hinzu, die später schwer wieder herauszubekommen sind. Genau das wollen wir vermeiden.
Sophie Höller: Es geht darum, materialgerecht zu sanieren und nicht mehr Schaden zu verursachen, als man Gutes tut. Die bestehende Substanz soll erhalten werden. Gleichzeitig müssen wir bei neuen Materialien auch den Energieaufwand und ihre ökologische Qualität berücksichtigen.
© Christian Sageder
Bei MAGK Architekten werden Entwurf, Detailplanung und technische Fragen gemeinsam am Plan weiterentwickelt.
Sophie, Du bist erst bei natuREnovation dazugekommen. Was macht das Thema für Dich interessant?
Sophie Höller: Mit Sanierung macht man grundsätzlich schon viel richtig, weil man Bausubstanz erhält. Schwieriger wird es, wenn man zusätzlich von konventionellen Lösungen wegkommen und ökologische Materialien einsetzen möchte.
Dabei sind die Probleme nicht immer technischer Natur. Viele Lösungen kennt man. Die Frage ist oft: Wie bekommt man sie tatsächlich in die Praxis?
Was macht die Planung im Bestand so schwierig?
Martin Aichholzer: Man weiß nie ganz genau, was man vorfindet. Eine Ziegelwand kann aus unterschiedlichen Ziegeln und Mörteln bestehen und verschiedene Stärken haben. Dazu kommen dann vielleicht eine Innendämmung, ein neues Fenster oder eine Vorsatzschale.
All diese Teile reagieren miteinander. Deshalb ist die Gesamtperformance schwerer vorherzusagen als im Neubau.
Welche Aufgabe übernimmt MAGK im Projekt?
Sophie Höller: Wir bringen vor allem bautechnische Expertise ein, arbeiten an den Details und an der ökologischen Bewertung.
Martin Aichholzer: Unsere Aufgabe ist, Ideen aus dem Konsortium planbar zu machen. Wir prüfen: Ist eine Lösung verwendbar? Wie lässt sie sich umsetzen? Und wie bekommt man sie in den normalen Planungsalltag?
Zusätzlich betrachten wir die Bauteile über Lebenszyklus und Ökobilanz und prüfen, ob sie im Sinne der Kreislaufwirtschaft funktionieren.
Warum eignen sich gerade Gründerzeithäuser für diese Forschung?
Sophie Höller: Sie machen einen großen Teil der Wiener Bausubstanz aus und sind gleichzeitig erstaunlich flexibel. In ihnen befinden sich Wohnungen, Arztpraxen, Kanzleien oder Schulen. Sie wurden in den vergangenen 100 Jahren immer wieder adaptiert.
Das zeigt, wie resilient diese Häuser sind. Wenn man behutsam mit ihnen umgeht, können sie auch Nutzungen aufnehmen, die wir heute noch gar nicht kennen.
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Martin Aichholzer und Sophie Höller prüfen unterschiedliche Baustoffe und ihre Einsatzmöglichkeiten für natuREnovation.
Wo liegen die größten Hürden bei der ökologischen Sanierung?
Martin Aichholzer: Einerseits organisatorisch und finanziell. Schon eine Sanierung braucht die Zustimmung der Eigentümer und muss finanzierbar sein.
Andererseits fehlt bei ökologischen Lösungen häufig Erfahrung in der Ausführung. Bei konventionellen Systemen weiß eine Firma genau, was sie bestellen und wie sie es verarbeiten muss. Bei neuen Materialien kommen Fragen: Wie schneide ich das? Wie befestige ich es? Wie baue ich es ein?
Diese Unsicherheit wird oft mit Sicherheits- oder Angstzuschlägen eingepreist. Deshalb ist ökologisches Bauen teilweise auch teurer, weil es noch zu wenig Erfahrung damit gibt.
Gibt es auch technische Lösungen, die derzeit schlicht fehlen?
Martin Aichholzer: Ja. Die Normen stellen hohe Anforderungen an Brandschutz, Schallschutz oder Gebrauchstauglichkeit. Konventionell gibt es dafür eine große Auswahl geprüfter Produkte, bei regenerativen Materialien noch nicht.
Ein Beispiel sind Trittschalldämmplatten. Die geforderten Eigenschaften lassen sich mit Glas- oder Steinwolle erfüllen, vergleichbare regenerative Lösungen fehlen teilweise noch am Markt.
Dazu kommt: Ein Altbau ist nicht hundertprozentig berechenbar. Die Wände werden von Geschoss zu Geschoss dünner, Decken können innerhalb eines Hauses unterschiedlich aufgebaut sein. Diese Vielfalt lässt sich nicht einfach mit einem Standarddetail beantworten.
Wie funktioniert dabei die Zusammenarbeit im Konsortium?
Martin Aichholzer: Wir haben ein sehr heterogenes Team: von der Haustechnik bis zum Strohproduzenten. Viele kennen wir bereits aus natuREbuilt.
Im Gründerzeithaus gibt es allerdings weniger Freiheitsgrade als im Neubau. Nicht jedes Material eignet sich für jede Anwendung. Gerade deshalb ist die Zusammenarbeit interessant.
Sophie Höller: Man merkt, dass das Team schon eingespielt ist. Gleichzeitig ist es auch eine Erkenntnis, wenn ein Produkt oder eine Kompetenz im Projekt weniger zum Einsatz kommt. Dann muss man fragen: Können wir dafür eine sinnvolle Anwendung finden oder passt es bei dieser Bauaufgabe einfach nicht?
Wann wäre natuREnovation für Euch erfolgreich?
Martin Aichholzer: Wenn wir zeigen können, wie ein Gründerzeithaus mit hoher architektonischer, funktionaler und ökologischer Qualität weiterentwickelt werden kann.
Neue Bauteile sollten sich später wieder leicht entfernen lassen oder zumindest keinen zusätzlichen negativen Einfluss verursachen. Das Ziel ist ein Gebäude, bei dem ausgetauschte Materialien wieder einem Kreislauf zugeführt werden können.
Wir wissen jetzt schon, dass wir nicht überall die perfekte Lösung finden werden. Aber wir wollen einen großen Schritt in die richtige Richtung machen.
Sophie Höller: Ideal wäre natürlich, die entwickelten Lösungen einmal an einem realen Gebäude umzusetzen. Genauso wichtig ist aber, dass andere Architekturbüros auf die Details zugreifen und sie bei ihren eigenen Projekten einsetzen können.
Was wird bei der Bewertung nachhaltiger Sanierungen oft übersehen?
Sophie Höller: Das Raumklima und die Baubiologie. Ein Ziegelmauerwerk mit Lehmputz kann zum Beispiel die Feuchteregulierung im Wohnraum verbessern. Das wirkt sich direkt auf die Lebensqualität aus, ist aber schwer in Geld auszudrücken.
Martin Aichholzer: Genau das ist das Problem: Sobald mehrere wirtschaftliche Interessen beteiligt sind, steht sehr schnell der Preis im Vordergrund. Der ökologische Mehrwert lässt sich schwerer vermitteln.
Dabei sollten wir die Stadt viel stärker als bereits gebaut betrachten. Je weniger wir abreißen, desto weniger müssen wir neu errichten. Die vorhandene Bausubstanz ist eine Ressource und genau mit dieser Ressource wollen wir bei natuREnovation arbeiten.
Vielen Dank für das Gespräch.
Martin Aichholzer
ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Wiener Architekturbüros MAGK Architekten.
Sophie Höller
arbeitet bei MAGK Architekten und begleitet u.a. fachlich Forschungsprojekte.
Das Gespräch führte Barbara Kanzian.
Alle Fotos: Christian Sageder